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MIKHAIL KOZLOVSKY 

Der heilige Antonius 

Schwer ist die Last, und heiß ist der Sand,
Mein Kopf ist kaum bedeckt...
Ich irr' durch die Wüste monatelang,
Ich lauf' vor den Menschen weg. 
     Weg von den Blicken, die hungrig und scharf
     Nach Wundern lechzen sofort.
     Der Rettung nicht würdiges schwarzes Schaf,
     Der Sünder - ich gehe fort. 
Mein Heiland! Warum so erbarmungslos?
Verdurstend, erschöpft und nackt -
Ich irr' durch die Wüste, Richtung Süd-Ost;
Und der Teufel - der gibt nicht nach. 
     Ich faste, ich bete, ich knie nieder;
     "Verschwinde! Hinaus, Satan!"
     Doch immer und immer und immer wieder
     Greift mich die Versuchung an. 
Des goldes Glanz und des weibes Fleisch
Ein bodenloser Abgrund -
Die Verlockung ruft und sie macht mich schwach,
Ich bin fast ohnmächtig, und 
     Der Urquel des Übels lässt mir keinen Trost,
     Nie wird er versiegen, nie...
     Ich irr' durch die Wüste, Richtung Süd-Ost;
     Und der Teufel geht mit. In mir. 

 
*     *     * 

Neumond

In der Nacht des Neumondes kehrt alleszurück
Zu der Quelle der Welt, zum Anfang,zum Ursprung.
Die Facetten der Wahrheit erkennt mannoch nicht –
Nur die Finsternis, Nichts, weder Stimme,noch Licht.

Alles wird prophezeit, wird vorausgeahnt
Universum ist schwanger, und still istdie Nacht.
Doch Herr Schiwa, der rasendeGott-Eremit,
Schenkt jungfräulicher Welt eine neueEinsicht.

Wir probier'n es noch mal, schleudernFeuer ins All.
Was geschieht hinterher, ist unsherzlich egal...
Doch die Asche ist kaltund die Liebeist tot
In dem zitternden           
          zaubernden                    
                      Licht                         
                           vom Neumond. 

 *     *     * 

Post scriptum  

Es geschah in einem der Nachbarländer.
Da ging alles schief, und zwar:
Ich traf mich am Abend mit einer Fremden,
In der Bar, die unpassend war.  

Die Kollegin strahlte – schlank, hübsch und schlau,
Wein regte uns beide an...
Doch woanders - da saß meine Traumfrau
Mit einem ganz anderen Mann.  

So ziehet man mal seine Lebensbilanz
Und findet sich falsch benannt
In der falschen Ehe,
Im fremden Haus,
In dem kaum bekannten Land.

                          Cambridge,UK, 1996 

*     *     * 

MIKHAIL KOZLOVSKY, Übersetzung aus dem Russischen KLAUSKLEINMANN

Sag, wohin trieb das Schicksal dich, Susan?

       Dieser Stern strahlt nun nicht mehr den Musen,
        Wo er stand ist nur nachtkalte Ruh.
        Sag, wohin trieb das Schicksal dich, Susan,
        Sag, wohin trieb das Schicksal dich, Sue?    
                  Originaltext: D. Sucharev, Melodie. V. Berkovskij 

Dieses Lied hörte ich zum ersten Mal auf ihrem Geburtstag: Typische Moskauer Wohnung, frühlingshaftes Wetter, fröhliche Gesellschaft. Alle waren schon in gehobener Stimmung, wie immer zupfte jemandauf der Gitarre herum und Sergejitsch fragte, ob jemand das Lied kennt:"Sag, wohin trieb das Schicksal dich, Susan?"
"Na los, lasst uns singen", ermunterte uns Katharina, die Freundin des Geburtstagskindes, mit jenseitigem Augenzwinkernund fröhlich breitem Lächeln.
Mein Freund Sergejitsch war ein ganz besonderer Mensch,ein schlanker Schönling mit hellen Haaren und eleganter Figur, dessen kaummerkliche Gehbehinderung seine Ausstrahlung nur noch verstärkte. Er war immerbestens gelaunt, spielte wunderbar Gitarre und trank gern ein Gläschen Wodka,fiel jedoch nie aus dem Rahmen. Er konnte herrlich fluchen, aber er tat es mitfast entschuldigender Miene. Kurz gesagt, Sergejitsch, unser Genosse Student, vermied jede Anspielung auf seine fürstliche Herkunft und seinen Familienstammbaum, der 22 Generationen zurückreichte und edel nach Adel roch.Wir anderen hingegen, Kleinbürger und Plebejer, vergaßen das nie und hatten unseren Spaß daran, ihn in seinem Glanz ein wenig zu umschwärmen.
Katharina erging es nicht anders. Sie hieß mit Nachnahmen Semiglas (Siebenauge), wozu es sehr gut passte, dass ihr linkes Auge manchmal unstet flackerte und zur Seite glitt, was ihrem Blick einen fast überirdischen Zauber verlieh. Jetzt zwinkerte sie erneut, ließ die Gitarrensaiten anklingen, räusperte sich und begann zu singen. Sie besaß einen wunderbar lyrischenSopran, der nicht besonders laut, aber zärtlich und schmeichelnd klang, manchmal gespielt "böse", fast immer aber samtig und zu Herzengehend. Ihre rätselhaft kindliche Stimme wiederholte nun wieder und wieder denRefrain mit seiner schlichten Frage:
      Sag, wohin trieb das Schicksal dich, Susan,
      Sag, wohin trieb das Schicksal dich, Sue?
Ich küsste sie nur ein einziges Mal im Leben.Irgendwelche Handwerker hatten vergessen, das Schloss an der Speichertür wieder anzubringen, und wir nutzten die Gelegenheit, um auf das Dach hinauszuschlüpfen, ein wenig durchzuatmen und frische Luft zu schnappen, bevor wir wieder in den Partydunst eintauchten.
Wir begingen einen dieser "Themenabende", derersich mein damaliges Haus rühmen konnte. Die Idee bestand darin, dass wir, diese glänzenden, vielseitig begabten und hochtalentierten Leute, zu einem festgesetzten Thema improvisierten, so dass sich weitere, bis dahin ungeahnte Seiten der jeweiligen Persönlichkeit offenbaren konnten. Hier spielten wir,glaube ich, "Cabaret auf dem Montmartre", und jeder kehrte sein Inneres nach außen, so gut er nur konnte. Man trank Aperitif und Vin Rouge, man schnabulierte Käse und Weintrauben, bestaunte Cancan auf dem Tisch und sogar Ministriptease. Wir traten als verkannte Poeten und vielversprechende Nachwuchskünstlerauf, als billige Bordsteinschwalben von der Laterne gegenüber und sogar alsverklemmtes Pärchen aus England (dargestellt natürlich von Sergejitsch und seiner Freundin), das extra angereist war, um die berühmte kontinentale Verruchtheit zu bestaunen. Das alles waren wir – die aufstrebende Generation inder Blütezeit der Breschnew-Ära, hoffnungsvolle Vertreter der sowjetischen Jugend. Komsomolzen. Wir sprachen fast alle fließend Französisch, Mireille Mathieu löste George Brassens ab... Mit einem Wort: Wir verkörpertenKlein-Paris.
      Sag, wohin trieb das Schicksal dich, Susan,
      Sag, wohin trieb das Schicksal dich, Sue?
Sie verkörperte für uns das Idealbild einer Französin:eine winzige Brünette mit Augen, die fast so groß zu sein schienen wie dashalbe Gesicht, hatte einen Bubikopf und einen reifen, festen Busen. Wie hast duden Weg auf unsere Köpfe gefunden, du kleiner Spatz aus dem Saint Germain von Moskau? Sie konnte närrisch und leichtsinnig sein – oh là là – aber im nächsten Augenblick kehrte sie wieder zu Ernst und Pedanterie zurück und wirkte dabeinahezu manisch. Eine Liebesaffäre löste spätestens nach zwei Wochen die nächste ab, aber sie nahm jeden neuen Galan ernst und behauptete, das sei es nun füralle Zeit. Als die berauschende Frühlingsluft und der schwindelnde Abgrund der zwölf Etagen auf dem Dach uns einander in die Arme trieben, da küsste sie mich mit der gleichen Konzentration und dem gleichen Eifer, mit dem sie ihremedizinischen Fachbegriffe paukte oder, sagen wir, Kartoffeln schälte. Sie ließ kein noch so kleines Fleckchen meiner Lippen von ihrer Zungenspitze unberührt,sie schmiegte sich hingebungsvoll an meine Schultern und überließ sichwillenlos dem Spiel meiner Hände.
Sie zierte sich auch nicht besonders, als ich ihre Bluseund den Rest aufknöpfte, um mich völlig frei ihrem Busen zu widmen. UnsereBeine verflochten sich ineinander, berührten unsere geheimsten Stellen durchdie dünne Sommerkleidung hindurch... Es ging alles weiter nach Programm, dennwenn "le vin est tiré", dann "il faut le boire". Wir gabenuns unserer unschuldigen Pionierübung so lange hin, bis unsere gemeinsameAbwesenheit unhöflich zu werden drohte, und kehrten schließlich, ohne dass ihre Jungfräulichkeit ernsthaften Schaden genommen hätte, beschwingt und fröhlich zuunseren Kumpanen zurück – mit dem zutiefst befriedigenden Gefühl, eine Pflichtgetan zu haben.
      Sag, wohin trieb das Schicksal dich, Susan,
      Sag, wohin trieb das Schicksal dich, Sue?
Noch zweimal vereinbarte sie ein Treffen mit mir, das erste Mal im Zentrum für Haut- und Geschlechtskrankheiten, das zweite Mal im Leichenschauhaus. Das war zwar lustig, richtig lustig sogar, aber mir stand damals nicht der Sinn nach derlei Humor. Ich Hornochse! Warum habe ich sienicht zu mir ins heimische Bett eingeladen? Stattdessen reichte ich, besinnungsloser Vollidiot, sie an den nächstbesten Freundweiter, als sei ich armer Dussel der Vormund meines Damenflors: "VerstehenSie doch, Herr Doktor, die Patientin braucht das jetzt ganz dringend." Der' Doktor’, so viel sei zu seiner Ehre gesagt, war ganz auf der Höhe. Die Antwortfiel ihm nicht schwer, eine überhebliche Antwort auf meinen schüchternen Vorschlag, dieser dürstenden Dame zu trinken zu geben und ihr über die psychische und physische Barriere der Jungfernschaft hinwegzuhelfen, an der siesich schon so lange abquälte... Der 'Doktor' antwortete formvollendet: "Lass mich nur machen, das kriegen wir schon hin!" Er sollte Recht behalten. Sie ließ ihn tatsächlich machen, verliebte sich noch in der gleichen Nacht in ihn, wurde im nächsten Jahr seine Frau und ein paar Jahre später seine Ex-Frau...
     Sag, wohin trieb das Schicksal dich, Susan,
     Sag, wohin trieb das Schicksal dich, Sue?
Ja, was trieb sie durchs Leben? Welche Kraft zwang siedazu, sich von ihrem ersten Mann zu trennen, sich dann ganz und gar aus dem Staub zu machen und das Kind zurückzulassen, das sie von einer Zufallsbekanntschaft hatte, um für ein paar Jahre bei einem jüdischen Schönling vor Anker zu gehen, einem seelenverwandten Possenreißer und Sprücheklopfer, und schließlich vorletzte Ruhestätte bei einem einfachen russischen Typen namens Sascha zu finden, der es immerhin schaffte, ein echter Vater ihres Sohnes zu werden? War es die Neugier, die Sucht nach frischen Eindrücken, ihre berüchtigte Manie – oder nur die Vorahnung eines nahen und schrecklichen Endes?
      Sag, wohin trieb das Schicksal dich, Susan,
      Sag, wohin trieb das Schicksal dich, Sue?
Ich beuge mich über deine Lippen, über das Grübchen andeiner Kehle, ich bedecke jeden Quadratmillimeter deiner herrlichen Brüste mitunzähligen Küssen, erwecke deine kleinen, festen Brustwarzen zum Leben, ichstreichle mit Nase und Wangen über die sanfte Rundung deines straffen Bauches,so herb und doch so fraulich, und fühle, wie er sich unter der aufkeimenden Lust zu spannen beginnt. Ich sauge mich an der Innenseite deiner Schenkelentlang und schmecke die Feuchte deines duftenden Schoßes, ich tauche ein indeine Tiefe, die sich gleichermaßen hingibt und sträubt und erkenne wieder undwieder die geheimen Schätze deines innersten "Ichs", erlebe hemmungslose Kreatürlichkeit und wilde, beinahe grausame Leidenschaft, diesonst unter deiner Mädchenhaftigkeit und scheinbaren Kühle verborgen bleibt, ich spüre, wie sich deine Beine, die du um meinen Körper geschlungen hast, im Paroxismus höchster Lust verkrampfen... Aber nein, es ist unwiederbringlich zu spät! 

Verzeih, Lenka, du kleines, schüchternes Wunder, duwinziges Moskauer Häschen, das sich zufällig aus dem Bois de Boulogne hierherverirrt hatte. Verzeih mir alles, was war, und noch mehr: Verzeih mir alles, was nicht war. Verzeih uns allen. Verzeih – und auf Nimmerwiedersehen.
Sag, wohin trieb das Schicksal dich, Susan?  


*   *   *
 *   *   * 


KLAUS KLEINMANN 

Kathedrale in St. Petersburg
 

Gelassen hockst du da,                                    
Gigant aus Marmor und Porphyr,                     
über dem Sumpf aus Autos,Bussen, Straßenbahnen,
Die Sonne deiner Kuppel hochumweht von weißem Wolkenhaar.
Am Fuße deiner Säulenbeine ameisen die Menschlein
und dringen plaudernd ein indeinen hehren Schoß –
Du lässt es teilnahmslos geschehn. 

Auch mich nimmst schweigend du hinein
Ins Innre deines riesenhaft gewölbten Körpers,
Mit Bildern und mit Gold unendlich reich verziert,
Wo mich der Glanz, die hohe Leichtigkeit der tonnenschweren Bögen
Erdrückt und weitet und aufs Tiefste schaudern lässt,
Als zögest milde lächelnd duan meiner Seele
Und spottetest ob meinerwinzigen Gestalt. 

Wer staunend hierhin durchgeht,
Dem gelingt auch nicht diekleinste Spur,
Er gleitet schattenlos vorbeiund huscht beklemmt ins Weite.
Doch hätte er den Mut zueinem lauten Wort, zu einem hellen Lachen,
Das Echo risse fort den Klang, es spielte lange mit dem Hall
Und gäbe das Gefühl, die schreckensgleiche Ahnung,
Dass Großes schläft in seinerengen Brust. 



     ***     Übersetzungen aus dem Russischen     ***    


                             Fjodor Tjuttschew
 
*   *   *
 
Sie saß am Boden und zerriss
Die trauten Briefe ohne Hast,
Warf sie wie Asche hoch und ließ
Sie niedersinken, stumm erblasst. 

Sie kannte alle, sah sie wehen
Und blickte schaudernd hinter drein,
Wie Seelen nach dem Leichnam spähen,
Der unter ihnen liegt, allein. 

 Ach wieviel Lebenszeit – vergangen,
Unrettbar ohne Wiederkehr.
Ach wieviel Liebe, Lust und Bangen –
Alles dahin, auf Nimmermehr. 

Ich stand an ihrer Seite, schweigend,
Und sank vor Schmerz fast in die Knie,
Das Haupt in tiefem Kummer neigend – 
Ihr Schattenbild verlässt mich nie.  

 
*     *     * 
                            Anna Achmatowa 

Das Liedder letzten Begegnung 

Wenn mein Herz auch vor Kälte fast stand,
Schien mein Gang doch ganz leicht zu sein.
Dabei schob ich die rechte Hand
In den linken Handschuh hinein. 

Mir kam vor, als gäbs viele Stufen,
Doch ich wusste: Es warn höchstens vier.
Durch das Herbstlaub hört fern ich es rufen
Und mich bitten: "Ach, stirb doch mit mir! 

Bin betrogen vom Schicksal, dem bösen,
Wetter wendisch missgünstigen Stern."
Ich entgegnete: "Liebster, Liebster!
Ja, ich auch. Mit dir sterb ich gern..." 

So das Lied unsrer letzten Begegnung.
An der Straße stand dunkel das Haus.
Nur vom Schlafzimmer leuchteten Kerzen
Gelblich-gleichgültig zu mir hinaus.



*   *   *
 *   *   *  

IRINA MONASTIRSKI

Ein Leben lang

Dein Zug war in die Nacht gefahren...
Ich blieb allein zurück und sang:
Dass wir zusammen glücklich waren,
Vergiss es nicht dein Leben lang!
Vergiss es nicht dein Leben lang!

Im fremden Land sei wohlbehalten
Und finde Licht mit deinem Gang.
Wie uns die schönsten Sterne strahlten,
Vergiss es nicht dein Leben lang!
Vergiss es nicht dein Leben lang!

Das letzte Reden half bei keinem –
Uns übertönte Herzensklang.
Zum Abschied sprach mein Herz mit deinem:
– Vergiss mich nicht dein Leben lang!
– Ich liebe dich mein Leben lang!